07.01.2020

06:00 Uhr

Um 6 Uhr macht Ralf das Licht an. Er hat Frühschicht und ist der Erste in der Netzleitstelle der ENRW und der Erste auf dem Betriebsgelände. Das unscheinbare Großraumbüro ist sehr wichtig für alle Bewohner der HIERBLEIBER-Region. Es hat etwas von Schaltzentrale, wo alle Informationen zusammenlaufen. ENRW-Mitarbeiter sind im Schichtdienst 24 Stunden, sieben Tage pro Woche für rund 40.000 Menschen im Einsatz. Menschen, die Strom, Erdgas, Wärme und Trinkwasser zum Leben benötigen. Menschen, deren Abwasser fachgerecht entsorgt werden muss. „Überwachung aller Versorgungsnetze“ heißt die Aufgabe.

Ralf kümmert sich zunächst um die Warnmeldungen der vergang- enen Nacht, die bis zum nächsten Tag warten konnten. Er prüft die Meldungen der Systeme und entscheidet, welche Info die Kollegen vom Technischen Service benötigen, um im Laufe des Tages an den Versorgungsnetzen Reparaturen durchzuführen. Noch ein Blick auf die Auslaufwerte des Trinkwassers – es sind keine Hinweise auf Leckagen in den Leitungen draußen in der Region ersichtlich. Der 37-Jährige schnappt sich einen Handstrahler und beginnt seinen Rundgang. Hoftore aufschließen, Fenster und Türen der Betriebsgebäude kontrollieren. Auch der Wasserkraftanlage am Neckar stattet er einen kurzen Besuch ab. Das Bedientableau zeigt nichts Auffälliges.

Keine Frage, der Job in der Netzleitstelle ist verantwortungsvoll und herausfordernd. Allein die Überwachung des Stromnetzes umfasst zwei Umspannwerke, 367 Trafostationen und 292 Kilometer Mittelspannungsleitungen. Neben der reinen Überwachung steuern und regeln die Mitarbeiter der Netzleitstelle Strom- und Gasnetze, Blockheizkraftwerke und die Wasserkraftanlage am Neckar. Sie prüfen regelmäßig alle von der ENRW eingesetzten elektrischen Geräte und technischen Anlagen. Darüber hinaus müssen neue Anlagen, wie beispielsweise fernschaltbare Stromstationen, in das Leitsystem des Netzes eingepflegt werden.

Die ENRW verfügt über äußerst stabile Versorgungsnetze. Dies belegen die Zahlen. Bei Stromnetzen beträgt in Deutschland die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung je angeschlossenem Letztverbraucher innerhalb eines Kalenderjahres 13,91 Minuten. Die ENRW kann für ihre Netze einen jährlichen Durchschnittswert von 4,89 Minuten vorweisen. Ähnlich verhält es sich bei den Erdgasnetzen. Hier sind es bundesweit 0,48 Minuten pro Jahr, bei den ENRW-Netzen gerade einmal 0,086 Minuten.

Kommt es doch einmal zu größeren Störungen, erscheinen diese sofort auf den PCs der Netzleitstelle – untermalt von einem akustischen Signal und schon mit dem dazu gehörenden Schaubild. Im günstigsten Fall ist sofort ersichtlich, wo der Fehler liegt. Dieser kann umgehend dem zuständigen Monteur mitgeteilt werden. Um die Menschen zeitnah zu informieren, veröffentlichen die Mitarbeiter der Leitstelle größere Störungen auf der ENRW-Service-App sowie dem Online-Störungs-Portal auf www.enrw.de und auch auf Twitter.

Durchschnittlich 20 Minuten dauert die Fehlersuche. Die meisten Störmeldungen erreichen die Leitstelle aber immer noch per Telefon. Menschen im ENRW-Netzgebiet zwischen Alb und Schwarzwaldrand melden, wenn bei ihnen zuhause etwas mit der Strom-, Wasser-, Gas- oder Wärmeversorgung nicht richtig funktioniert. Die Nummer ist 24 Stunden erreichbar. „Nachts sehen wir zu Hause schon am Telefondisplay, ob sich das Leitsystem selbst aufgrund einer Störung meldet, oder ein Mensch aus Fleisch und Blut“, sagt Ralf. In jedem Fall kann der diensthabende Mitarbeiter dank des technischen Fortschritts über einen Laptop von überall direkt Verbindung zum Leitsystem aufnehmen. In den meisten Fällen lässt sich die Störungsstelle lokalisieren. Falls nötig, kann der Ort der Störung umgehend angefahren werden.

Während früher im Durchschnitt rund 20 Mal pro Jahr Störungen an 20.000 Volt-Leitungen gemeldet wurden und in der Folge oft ganze Ortschaften keinen Strom mehr hatten, passiert es heute nur noch ganz selten: „Immer mehr Leitungen werden aus Sicher- heitsgründen unterirdisch verlegt und sind dann vor Witterungseinflüssen geschützt.“ Aus den Folgen des Orkans Lothar am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 haben die Fachleute die entsprechenden Lehren gezogen, wie Ralf berichtet: „Hauptleitungen waren beschädigt. Zahlreiche Dörfer mussten zwei bis drei Tage auf Strom verzichten. Die Leute haben sich Notstrom- aggregate besorgt. Im Drei-Schicht-Betrieb wurde fieberhaft an der Ortung und Beseitigung der Schäden gearbeitet.“

Der Alltag sieht gottlob anders aus: „In der Regel erreichen uns in erster Linie Meldungen von kleineren Störungen: tropfende Wasserzähler oder andere Undichtigkeiten, lokaler Stromausfall, kein Wasser, kein Erdgas oder keine Wärmeleistung durch den ENRW-Fernwärmeanschluss. Ein Hausbrand beispielsweise, bei dem das Gebäude vom Stromnetz genommen werden muss, ist da schon die Ausnahme.“ Immerhin knapp 100 Anrufe jährlich gehen auf vermuteten Gasgeruch zurück: „Sehr selten bewahrheitet sich diese Annahme. Oft riecht das Katzenklo, Abflüsse oder Abläufe, aber hier gilt: Lieber einmal zu viel anrufen.”

Ein Stück weit bildet sich das Leben der Menschen da draußen im Netzgebiet der ENRW sehr direkt im unscheinbaren Großraumbüro ab. Wie massiv beispielsweise ein Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft während einer Weltmeisterschaft in die Versorgungssituation eingreift, erläutert Ralf Besuchern in der Netzleitstelle besonders gerne. Lächelnd zeigt er auf dem Großbildschirm die Verlaufskurve des Wasserverbrauchs während des WM-Endspiels 2014 zwischen Argentinien und Deutschland. Sofort wird deutlich, dass die Menschen in der Halbzeitpause alle dem gleichen Bedürfnis nachkamen. Für Ralf und seine Kollegen allemal besser als jede Art von Störung.

FÜHRUNGEN IN DER ENRW-NETZLEITSTELLE

Die ENRW Energieversorgung Rottweil bietet für Schüler und Erwachsene eine kostenlose Führung an, die Besuche in der Netzleitstelle sowie auf der Wasserkraftanlage am Neckar beinhaltet. Die Führung dauert maximal 1,5 Stunden. Darüber hinaus sind kostenlose Führungen auf der ENRW-Biogasanlage in Rottweil-Hausen sowie auf der Rottweiler Kläranlage möglich.

Kontakt: 0741/472-107 oder hierbleiber(at)enrw.de