14.07.2021

Frühe Neuzeit: 1700

Gestatten: Freiherr Johann Franz Dietrich von Landsee,

von 1679 bis 1706 Besitzer des Wasserschlosses Glatt . So prunkvoll das hier alles ist, was die Notdurft anbelangt, unterscheidet sich der Adel nur unwesentlich vom Pöbel in den Städten und Dörfern. Ich kenne mich aus, da ich versucht habe, in diesem Zusammenhang etwas zu verbessern. Leider mit nur mäßigem Erfolg, wie ich gestehen muss. Aber immerhin: es stinkt nicht mehr in jedem Raum nach Urin und Fäkalien.

Meiner Weisung nach müssen alle Schlossbewohner für ihr Geschäft eine bestimmte Nische an der Außenmauer aufsuchen. Von dort aus fallen sämtliche Ausscheidungen direkt in den Wassergraben, der sich rund ums Schloss befindet. Das ist zwar leider ein stehendes Gewässer, aber zumindest landet erst mal alles im Wasser. Von Zeit zu Zeit müssen halt meine Bauern ins Wasser steigen und einen Teil des Mists rausschöpfen und wegkarren.

Als ich hier ankam, war es tatsächlich üblich, sich nahezu überall zu erleichtern: auf Korridoren, in den Fluren, in Raumecken, Eingängen und Durchfahrten sowie in den Höfen, Gärten und Parkanlagen. Wie gesagt, es hat überall gestunken wie im Kuhstall.

Ich selbst und meine Familie nutzen in unseren Gemächern tragbare Leibstühle. Zum Abputzen steht Schafwolle bereit. Unsere Dienerschaft trägt die Leibstühle nach Benutzung ins Freie und entleert sie ebenfalls in den Burggraben. Was mir etwas Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass unser Trinkwasserbrunnen so nahe am Burggraben liegt. Sollte die Dreckbrühe von dort teilweise versickern und ins Grundwasser gelangen, hätten wir ein Problem mit dem Trinkwasser. Na ja, bislang ging alles gut.

An anderen Schlössern jedenfalls sieht es auch nicht besser aus. Wie man mir zugetragen hat, nutzt selbst der französische König Louis XIV. in Versailles einen Leibstuhl, auf dem er wohl sogar während großen Empfängen sitzen bleibt. Nun ja, dass wäre mir etwas peinlich, aber gut. In Versailles jedenfalls gibt es zwar rund 2.000 Zimmer, aber nur eine einzige von diesen neumodischen Apparaturen, die Ihr heute „Toilette“ nennt.

Schon vor über hundert Jahren, nämlich 1589, lebte in England ein verrückter Dichter namens Sir John Harrington, der als Erfinder des ersten Wasserklosetts gilt. Er schrieb nicht nur ein Buch darüber, inklusive exakter Bauanleitung, sondern ließ sich das Teil in seinen Landsitz einbauen. An der Schüssel war ein Wasserbehälter angebracht, der dann die Schüssel mit Wasser füllte. Anschließend musste man mit einem Stab am tiefsten Punkt des Klos eine kleine Schleuse öffnen, um Fäkalien und Wasser in die darunter liegende Grube zu transportieren.

Leider interessierte sich damals kein Mensch für diese Erfindung. Ich selbst habe nur durch Zufall davon erfahren. Vielleicht wäre das auch was für mein Wasserschloss hier in Glatt . Aber das würde sicherlich ein Vermögen kosten. Das Geld möchte ich lieber für die Erstellung eines weiteren Gemäldes ausgeben, das mich so vorteilhaft wie nur möglich für die Nachwelt erhält.

GESTIEGENES SCHAMGEFÜHL

Langsam entwickelte sich auch ein gestiegenes Schamgefühl rund um das Thema „Notdurft “. Während man sich im Mittelalter mehr oder weniger ungeniert auf Straßen, Gassen und Höfen erleichtert hatte, boten Ende des 18. Jahrhunderts im öffentlichen Raum Männer und Frauen mit langen Umhängen ihre Dienste an. Gegen entsprechendes Entgelt konnte jedermann unter die Stoffhülle schlüpfen, um vor Blicken geschützt im bereitstehenden Eimer sein Geschäft zu verrichten.

DIE ERFINDUNG DES WASSERKLOSETTS

Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich zwar hinsichtlich der Abwasserentsorgung immer noch nicht viel getan, aber immerhin meldete im Jahr 1775 der englische Erfinder Alexander Cummings das Patent für ein Wasserklosett mit Spülung an. Dieses verfügte zudem über ein doppelt gekrümmtes Ablaufrohr, den sogenannten „Siphon“, welcher das Aufsteigen unangenehmer Gerüche verhinderte. Jedoch erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche Klos tatsächlich in Häuser eingebaut.