Wenn jeder Strich sitzt
Mit ruhiger Hand, viel Geduld und einem Blick fürs Detail gestaltet Rainer Müller seit mehr als 30 Jahren das Goldene Buch der Stadt Rottweil. Er hat sich einer Leidenschaft verschrieben, die für viele wie eine fast vergessene Kunst wirkt: der Kalligraphie.
Zu dem recht außergewöhnlichen Hobby kam der heute 76-Jährige auf Umwegen. Bereits mit 14 Jahren trat er seine Lehre zum Vermessungstechniker in Stuttgart an. „Damals musste man noch sehr exakt schreiben“, erklärt er. „Leserlichkeit und Genauigkeit wurden sogar benotet.“ Sein Arbeitskollege Karl Lambrecht aus Rottweil, der selbst Urkunden gestaltete, brachte ihn schließlich mit der Kunst des Schönschreibens in Kontakt. „Er meinte irgendwann, ich hätte eine gute Schrift und sollte das auch einmal probieren“, erinnert sich Rainer Müller. Aus ersten Vorlagen und viel Übung entwickelte sich nach und nach eine große Leidenschaft.
Denn genau darum gehe es bei der Kalligraphie: Routine, Geduld und Konzentration. „Üben ist das A und O“, weiß Rainer Müller. Viele Menschen seien überrascht, dass wirklich alles von Hand geschrieben wird. Keine Schablonen, keine technischen Hilfsmittel. Jeder Buchstabe entsteht einzeln. Die Ursprünge dieser Kunst liegen in den Klöstern, wo über Jahrhunderte hinweg Bibeln und Urkunden von Hand geschrieben wurden.
Für seine Arbeiten nutzt Rainer Müller hochwertige Tuschen in vielen Farben, verschiedenste Federn und Federhalter, Aquarellfarben, feine Pinsel, spezielles Urkundenpapier sowie Bleistifte in unterschiedlichen Härtegraden. Die feinen Hilfslinien werden später mit einem speziellen Speckradierer wieder entfernt, der besonders schonend für das Papier ist. „Wenn ich arbeite, brauche ich absolute Ruhe“, erklärt er. „Meine Frau Gerlinde weiß dann immer Bescheid, ich gehe dann nicht mal ans Telefon“. Verzwickt war das noch vor wenigen Jahren, als Rainer Müller als Stadtbrandmeister Rottweils aktiv war. „Bei einem Feuerwehreinsatz kann ich schlecht sagen, ich muss hier noch etwas fertig gestalten“, lacht er. „Das ist aber zum Glück nur ein einziges Mal vorgekommen und dass ich den Text später fertig geschrieben habe, fällt niemandem auf – außer mir natürlich.“
Zum Goldenen Buch der Stadt kam er Anfang der 1990er-Jahre. 1992 wechselte er auf Wunsch des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Michael Arnold von seinem bisherigen Arbeitgeber ins Stadtplanungsamt. Dort wurde schließlich auch die Gestaltung des Goldenen Buches Thema – denn bereits sein Vorgänger hatte diese Aufgabe übernommen. „Da bin ich dann hineingewachsen“, erzählt er. Zunächst galt es jedoch, Ordnung in die bisherigen Einträge zu bringen, Zeitungsausschnitte einzukleben und das Buch zu strukturieren. Seitdem gestaltet er die Seiten für besondere Gäste und Ehrungen der Stadt. Zunächst beruflich, später rein ehrenamtlich. Seit inzwischen elf Jahren erledigt er diese Aufgabe im Ruhestand freiwillig weiter.
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm unter anderem der Eintrag zum Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Auch diese Seite war von ihm komplett von Hand gestaltet worden, bis hin zur Präsidentenstandarte. „Die habe ich mir damals aus dem Internet geholt, ausgedruckt und dann von Hand nachgearbeitet.“ Eine von Rainer Müllers Lieblingsanekdoten: Als alles fertig war, warf seine Frau Gerlinde wie üblich einen Blick auf die Seite – und stellte fest: Der Adler hat doch eigentlich auch noch eine Zunge! Mit Farbe und Nadel wurde diese also noch hinzugefügt.
Und was, wenn mal ein Fehler passiert? „Nichts. Denn man verschreibt sich nicht“, erklärt Rainer Müller schmunzelnd. Doch zwei besondere Situationen sind ihm bis heute im Gedächtnis geblieben: Einmal musste ein bereits eingetragenes Datum korrigiert werden, nachdem ein Staatsbesuch der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel kurzfristig verschoben worden war – sichtbar ist die Änderung bis heute. Ein anderes Mal wurde ein geplanter Besuch wenige Tage vorher abgesagt. Die bereits vorbereitete Seite musste vorsichtig mit dem Skalpell entfernt werden. „Zum Glück sieht man davon nichts mehr.“
Dass das Goldene Buch heute auch online einsehbar ist, geht ebenfalls auf Rainer Müllers Initiative zurück. Viele Bürgerinnen und Bürger hätten Interesse gezeigt, die Seiten einmal anzuschauen. Also schlug er vor, die Einträge einzuscannen und digital zugänglich zu machen, wie es in anderen Städten auch schon gehandhabt wird. Neben dem Goldenen Buch gestaltet er bis heute Urkunden, Glückwunsch- und Trauerkarten oder Tischkärtchen. Auch Kurse an der Volkshochschule hat er viele Jahre lang gegeben, zunächst für Anfänger, später auch für Fortgeschrittene. Und obwohl viele seine kunstvollen Seiten fast für Gemälde halten: „Malen kann ich eigentlich gar nicht“, sagt er lachend. „Nur schreiben.“
Zum Goldenen Buch der Stadt Rottweil: www.goldenes-buch-rottweil.de
Neben dem Goldenen Buch der Stadt Rottweil gestaltet Rainer Müller regelmäßig Urkunden für Vereine oder Gemeinden. | Schon seit Beginn seiner Kalligraphie-Karriere verwendet Rainer Müller dasselbe Tuch, um die überschüssige Tusche von seinen Federn zu tupfen.
