15.07.2026

Frauen mit bewegenden Lebensgeschichten

Cornelia Votteler schreibt gegen das Vergessen

"Alle diese Frauen stehen stellvertretend für viele weitere“, sagt Cornelia Votteler. Und doch sind einige der Namen, ebenso wie viele andere, nicht bekannt. Dabei haben diese Frauen, jede auf ihre eigene Weise, Außergewöhnliches geleistet: Sie haben politische Forderungen durchgesetzt, sich um die Schwächsten der Gesellschaft gekümmert, für die Rechte aller Frauen gekämpft und ihr Wissen an nachfolgende Generationen weitergegeben. Ihre Lebensgeschichten hat Cornelia Votteler mit großem Aufwand recherchiert und in ihrer Buchreihe „Rottweiler Frauengeschichte(n)“ festgehalten. Der Titel ihres ersten Bandes „Kämpferisch, erfolgreich, großzügig, kreativ, tragisch“ gab bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das vielfältige Wirken der porträtierten Damen. Oft im Hintergrund und fernab öffentlicher Aufmerksamkeit haben sie, jede zu ihrer Zeit, Bedeutendes bewirkt.

Eher zufällig habe es sich ergeben, dass Cornelia Votteler diesen besonderen Aspekt der Rottweiler Geschichte niedergeschrieben hat: Im Jahr 2003 organisierte sie gemeinsam mit einer Gruppe von Frauen anlässlich der Rottweiler Heimattage eine Ausstellung zur Frauengeschichte. An unterschiedlichen Orten in der Stadt gaben thematische Stationen Einblicke in das Leben von Frauen. Aus dem umfangreichen Recherchematerial, das mehrere Ordner füllte, entstand schließlich der erste Band der Buchreihe „Rottweiler Frauengeschichte(n)“. Beim Schreiben konnte Cornelia Votteler zahlreiche Erfahrungen aus ihrem Berufsleben einbringen, etwa durch ihre Mitgliedschaft im Rottweiler Geschichts- und Altertumsverein, ihre langjährige Tätigkeit als Stadtführerin sowie ihre Arbeit im Stadtarchiv Rottweil.

Ein Verlag für ihr Vorhaben war schnell gefunden: „Ich habe Kontakt zu Sabina Kratt vom Neckartal Verlag aufgenommen (siehe S. 8-9, Artikel zur Buchhandlung Klein). Sie war sofort dabei“, sagt Cornelia Votteler. Der Schreibprozess selbst ging eher unbemerkt vonstatten, wie sie lachend erzählt: „Ich habe nachts geschrieben, die Familie hat gar nichts mitbekommen“. Bewusst habe sie sich dafür entschieden, keine klassischen Biografien zu verfassen, sondern die Frauen eingebettet in ihr jeweiliges Lebensumfeld darzustellen. Dazu zählen auch die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Zeit. An ihrem ersten Buch arbeitete Cornelia Votteler mehrere Jahre mit Unterbrechungen, den zweiten Band stellte sie in nur rund zwei Jahren fertig.

Für ihren zweiten Band konnte sie einige der porträtierten Frauen noch persönlich als Zeitzeuginnen befragen. Gerade noch rechtzeitig, wie sie rückblickend sagt, da einige von ihnen bereits ein hohes Alter erreicht hatten und kurz nach den Gesprächen verstorben seien. Neben dem persönlichen Austausch hat Cornelia Votteler für ihre Recherchen zahlreiche historische Dokumente in Archiven ausgewertet. Im Zuge ihrer Nachforschungen wandte sie sich landesweit an verschiedene Stellen, darunter auch Institutionen in Berlin und Bonn, um mögliche Informationen zu erhalten. „Den Lebenslauf von Frau Mezger habe ich über die Universitätsbibliothek Tübingen erhalten“, erinnert sie sich. Eine weitere wichtige Quelle waren private Unterlagen wie Briefe, die ihr von Familienangehörigen oder anderen Kontakten zur Verfügung gestellt wurden. „Auch über Tauf- und Sterberegister lässt sich erstaunlich viel herausfinden“, berichtet sie.

Während sie aus dem Leben der Frauen berichtet – beinahe so detailliert, als wäre es ihr eigenes – wird deutlich, welch große Bedeutung deren Wirken hatte. „Man muss kämpfen, um voranzukommen. Oft ist uns gar nicht bewusst, welche Rechte wir haben und wie hart sie erkämpft werden mussten“, sagt Cornelia Votteler und lenkt damit den Blick auf die Errungenschaften der Frauen. Ein Beispiel dafür ist „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes. „Ein Satz, der alles veränderte“, sagt sie, „aber kaum jemand weiß heute noch, wie lange Frauen dafür kämpfen mussten. Wie sich die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, eine der ‚Vier Mütter des Grundgesetzes‘, für diese Formulierung einsetzte.“

Solche scheinbar kleinen, in Wirklichkeit jedoch höchst bedeutsamen Errungenschaften, würden heute oft als selbstverständlich wahrgenommen. „Wir müssen unsere Rechte weiterhin verteidigen und aktiv für sie einstehen“, mahnt sie.

Mit Sorge beobachtet Cornelia Votteler aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen: „Ich erlebe, wie mit vielen Entscheidungen und Entwicklungen Errungenschaften wieder infrage gestellt oder sogar zurückgedreht werden.“ Über die Gründe könne sie nur mutmaßen. „Vielleicht sind wir zu sehr auf das Heute fokussiert und vergessen, was bereits erkämpft wurde. Unsere Zeit ist schnelllebig, über die Jahre geht viel Wissen wieder verloren.“ Kritisch sieht sie auch die Rückkehr überholter Rollenbilder, etwa den Social Media Trend der sogenannten „Tradwives“, bei welchem Frauen bewusst eine konservative Geschlechterrolle leben. „Ich sehe heute dieselben Probleme wie damals, nur in einer anderen Ausprägung“, sagt sie. Gewalt habe sich beispielsweise zunehmend in den digitalen Raum verlagert.

Auf die Frage, was wir heute von den Frauen früherer Generationen lernen können, hat Cornelia Votteler einen klaren Rat: „Es ist wichtig, die eigene Meinung zu äußern, auch wenn es unbequem ist, und sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein. Dazu gehört, auch gegen gesellschaftliche Gegebenheiten seinen Weg zu gehen.“ Gleichzeitig müsse man sich mit der Geschichte auseinandersetzen, aus früheren Ereignissen lernen und auch aktuelle Entwicklungen stets kritisch hinterfragen. Gerade in der heutigen Zeit ließen sich viele Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen. Dennoch sagt sie ganz bescheiden: „Ich bin keine Schriftstellerin. Ich versuche nur, Dinge festzuhalten und Interesse an der Geschichte zu wecken.“ Und genau damit zählt sie schon jetzt zu den vielen bedeutenden Frauen, über die wir viel öfter sprechen sollten.

Autorin Cornelia Votteler hat für ihre Bücher die Lebensgeschichten zahlreicher Rottweiler Frauen recherchiert.   |  Die beiden Bücher „Künstlerin, Lehrerin, Politikerin … Hexe“ und „Kämpferisch, erfolgreich, großzügig, kreativ, tragisch“ aus der Reihe „Rottweiler Frauengeschichte(n)“.