Welthits im schwäbischen Original
Tak-Tak-Tak-Tak. Mit seinen Drumsticks gibt Joo den Takt für das erste Lied vor. Beim vierten Schlag setzen Matze mit der Gitarre, Steff mit seinem Keyboard und Schuss mit dem Bass ein. Die Melodie – man erkennt sie sofort. Nach den ersten Takten schallt dann die Stimme von Alex durchs Mikrofon. Schwäbisch, rockig, derb. Der Raum wirkt auf einmal riesig. Wie eine große Bühne. Doch an diesem Tag wird nur geprobt – für den bevorstehenden Auftritt am Wochenende.
Joo Aiple, Matze Reimann, Steff Hengstler, Ralf Trouillet und Alex Köberlein: Zusammen sind sie The Franz Mayer Experience. Der Name ist nicht nur ein Verweis auf ihr erstes Lied „Franz Mayer zieads en d’Heh“, sondern auch eine Parodie auf die 60er-Jahre-Rockband „The Jimi Hendrix Experience“. Gemeinsam bringen sie Welthits im schwäbischen Original wieder auf die Bühne. Denn die meisten großen Hits der Popgeschichte seien geklaut. Schnöde abgekupfert von ursprünglich schwäbischen Songs, schreibt die Band auf ihrer Website.
Das Schwäbische bezeichnen alle fünf Bandmitglieder als ihre Muttersprache. Nur Steff bringt als gebürtiger Deisslinger einen alemannischen Einschlag mit. Steff erzählt: „Als Schuss mir gesagt hat, dass er mit Alex Köberlein Musik macht, war mir klar, dass das Schwäbische eine große Rolle spielen wird.“ Als Gründer und Leadsänger von Grachmusikoff und Schwoißfuaß war Alex Köberlein in den 80er Jahren ein bekanntes Gesicht des „Schwobarock“. Auch für seine vier Rottweiler war er, mit seiner Art Lieder zu machen, Idol und musikalisches Vorbild.
Wenn die Bandmitglieder gemeinsam am Texten sind, wird daher aus „Driver seat“ „De Rainer sieht’s“. Aus „In the midnight hour, she cried more, more, more“ wird „Ond middla en dr Nacht schreit‘r: ‚Dor, Dor, Dor‘ “ und aus „She’s fresh“ wird „Schiass Frösch‘“. Warum sich das Schwäbische besonders gut für Liedtexte eignet, erklärt Schuss: „Der Dialekt lässt sich biegen und ist viel weicher als das Hochdeutsche. Man findet immer einen passenden Reim.“ Singen auf Schwäbisch sei für ihn einfach stimmig. Das bestätigt auch Alex Köberlein: „Ich habe mich immer unwohl in meiner eigenen Haut gefühlt, wenn ich Hochdeutsch gesungen habe. Ich habe eine Rolle gespielt und es war nicht meine richtige.“
Die Band zu gründen, sei nie geplant gewesen. Von Probe zu Probe habe sich alles entwickelt und sei organisch gewachsen. Inzwischen haben sie mit The Franz Mayer Experience Auftritte in ganz Baden-Württemberg. Der Kalender ist für das kommende Jahr bereits komplett ausgefüllt. Alex Köberlein verrät ihr Erfolgsgeheimnis: „Da sitzen 70 Jahre alte Leute im Publikum, die mit einer Musik aufgewachsen sind, bei der sie die Texte nicht verstehen. Niemand weiß, um was es eigentlich geht. Hunderte Hits weltweit! Und jetzt kommen wir und geben den Leuten plötzlich eine inhaltliche Welt und eine Identität. Das ist unser Geheimnis.“
Heimat, Sicherheit, Identität: Während des Gesprächs wird deutlich, dass der Dialekt für alle fünf eine große Bedeutung hat. Bewusst ist ihnen aber auch, dass Sprache sich ständig wandelt. Köberlein sagt dazu: „Den Dialekt kann man nicht mit Gewalt bewahren. Nicht durch Vereine oder Ähnliches. Aber durch uns vielleicht, denn wir machen Spaß daraus. Durch uns vermutlich mehr, als durch jeden einzelnen Verein!“ Wenn man spürt, wie viel Freude Alex Köberlein und seine Rottweiler zusammen haben, macht man sich um die Zukunft des Dialekts tatsächlich keine Sorgen mehr. Ihre Mission, die Rettung der schwäbischen Popgeschichte, scheint geglückt.
Alex Köberlein ist jedenfalls mächtig stolz auf seine Jungs: „Wenn ich unsere Musik höre, dann denke ich: Was ist das für eine geile Band! Ich bin glücklich, weil ich die Band habe. Du fängst an zu spielen und das Spiel geht weiter. Das ist für mich göttlich.“
Neugierig, wie „Schwobarock“ so klingt? Am 28.12.2024 spielt The Franz Mayer Experience feat. Alex Köberlein und seine Rottweiler in der Turn- und Festhalle Zimmern ob Rottweil. Als Special Guest ist Riedel Diegel von Schwoißfuaß und bluesharp mit dabei.
Alle Tourdaten von The Franz Mayer Experience sind auf ihrer Website zu finden: www.franzmayerexperience.de
Auch Gerhard „Gischbl“ Mauch, Zeichner und Karikaturist aus Rottweil, greift das Thema Dialekt in seinen Kunstwerken auf. Nachdem er 2020 mit „Legendäre Grachis“ bereits ein ganzes Heft dem Schwobarock gewidmet hat, hat er auch für diese Ausgabe des HIERBLEIBERS Zeichenblock und Stift in die Hand genommen. Dieses Mal hat er Alex Köberlein und seine Rottweiler in bekannter Gischbl-Manier zu Papier gebracht.
Zum Thema Dialekt sagt Gerhard Mauch: „Mundart ist ein Stück Heimat und man hat mit schwäbelnden Personen gleich eine vertrautere Ebene. Vor allem in einer Zeit, in der alles voller Anglizismen ist. Auch Schimpfwörter traut man sich im Dialekt eher auszusprechen – sie wirken weniger ernst als im Hochdeutschen. Mein zeichnerisches Markenzeichen „Gischbl“ ist übrigens auch ein Schimpfwort und bedeutet so viel wie „Zappelphilipp“, „Klassenkasper“. Genau das war ich im Alter von sieben Jahren, weshalb ich umgehend dieses Prädikat erhielt – und bis heute behalten haben.“
v.l.n.r. Ralf Trouillet, Alex Köberlein, Joo Aiple, Matze Reimann und Steff Hengstler: Zusammen sind sie The Franz Mayer Experience.
