18.11.2024

"Hey, Bro! Hock di naa!"

Spricht die Jugend noch Dialekt?

Sprache ist im ständigen Wandel und die Jugendsprache ist ein wesentlicher Treiber dieser Veränderungen. Keine andere Sprachform entwickelt sich so rasant wie die Jugendsprache. Jährlich kürt der Langenscheidt-Verlag das Jugendwort des Jahres und schafft es damit sogar in die Tagesschau. Begriffe wie „Babo“, „lost“ und „goofy“ verdeutlichen, dass die Jugendsprache in den letzten Jahren internationaler geworden ist. Umfragen zeigen zudem, dass immer weniger junge Menschen in Deutschland einen Dialekt beherrschen.

Klar ist, dass vor allem die Erfahrungen und die Sprache, die man im Elternhaus hört, eine entscheidende Rolle spielen. Auch das Umfeld, in dem man aufwächst, ist wichtig. Ländliche Regionen sind oft stärker vom Dialekt geprägt, als städtische Gebiete. Zudem hat die internetbasierte Kommunikation in den sozialen Medien einen Einfluss auf die Sprache der Jugendlichen. Dort zählt die Schnelligkeit in der Regel mehr als die korrekte Formulierung.

Werden die Dialekte in Zukunft also aussterben? Fragen wir doch einfach die Jugendlichen selbst!
Leonie Coccatto (19), gebürtig aus Dietingen

„In meiner Familie sprechen nur mein Vater und meine Oma Schwäbisch. Meine Mutter kommt nicht aus der Gegend und spricht daher auch keinen Dialekt. In meinem Freundeskreis ist der Dialekt auch nicht wirklich verbreitet. Bei mir selbst hört man es nur durch das ‚sch‘. Zum Beispiel ‚da isch‘ statt ‚da ist‘ oder ‚du musch‘ statt ‚du musst‘.

Ich war schon öfter in der Situation, dass ich jemanden, der Dialekt gesprochen hat, nicht verstanden habe. Vor allem, wenn ich bei Freunden war und die Eltern Schwäbisch gesprochen haben. Ich versuch es mir dann meistens im Kopf zusammen zu reimen, was gesagt wurde. Ich glaube, hier in der Gegend kann man aber noch vieles verstehen. Im Schwarzwald sieht es sicher anders aus.

Im Unterricht war Dialekt nie ein Thema. Ich glaube eher, dass die Schulen vermeiden wollen, dass die Kinder, vor allem die in der Grundschule, den Dialekt sprechen. Aber ab den höheren Klassen oder in der Berufsschule achtet keiner mehr darauf, ob man Dialekt spricht oder nicht.

Meiner Meinung nach wird der Dialekt bei uns in Zukunft nicht mehr so tief verwurzelt sein. In Bayern, Berlin oder Sachsen, wo der Dialekt noch richtig verankert ist und man ihn immer noch beigebracht bekommt, wird er sich eher halten.“

Laura Lapatki (21), gebürtig aus Bösingen

„Ich habe den Dialekt schon immer gehört und auch gesprochen, daher verstehe ich vieles. Ich würde aber sagen, dass ich selbst keinen besonders starken Dialekt habe. In meinem Freundeskreis ist der Dialekt ähnlich ausgeprägt wie bei mir. Man hört immer noch Unterschiede zwischen den einzelnen Ortschaften raus. Aber ich kenne niemanden, der einen so starken Dialekt hat wie zum Beispiel meine Oma.

Im Unterricht haben wir das Thema Dialekt nie behandelt. Da ging es eher allgemein um die Jugendsprache. Ich hatte allerdings einen Geschichts- und Deutschlehrer, der Dialekt gesprochen hat und immer wieder Dialektwörter in den Unterricht eingebracht hat. Ich finde, es gibt einige witzige Dialektwörter. Eines, das ich auch zu Hause manchmal höre, ist ‚dollohrig‘. Wenn jemand schwerhörig ist oder nicht gut zuhört, würde man sagen: ‚Bisch jetzt dollohrig?‘ Bei uns im Ort gibt es sogar ein ganzes Buch mit Dialektwörtern und deren Bedeutung.

Insgesamt denke ich aber, dass der Dialekt weniger wird, was ich persönlich schade finde. Aber gerade in der Schule oder später im Beruf passt man sich eben an. Und natürlich hört man den Dialekt auch immer seltener.“

Matthäus Keller (20), gebürtig aus Epfendorf

„In meinem Heimatort ist das Schwäbische sehr stark ausgeprägt. Meine Eltern und meine Brüder sind etwa auf dem gleichen Level wie ich. Bei meiner Oma ist der Dialekt sicher noch stärker. Sie hat mich in der Hinsicht auch sehr geprägt. Ich selbst spreche vor allem zu Hause Dialekt. An der Hochschule strenge ich mich an, Hochdeutsch zu sprechen, damit die Leute mich auch verstehen.

In meinem Freundeskreis vor Ort haben eigentlich alle einen ähnlich starken Dialekt wie ich. Mit den Freunden verbringe ich auch die meiste Zeit, das färbt natürlich ab. Sobald ich an der Hochschule bin, sieht es im Freundeskreis komplett unterschiedlich aus. Da haben wir Leute aus Baden, aus Franken und aus Westfalen, die aufeinandertreffen. Da muss sich jeder ein bisschen anpassen, sodass man beim Hochdeutschen verbleibt. Das ist der Mittelweg. Denn wenn drei oder vier Dialekte aufeinandertreffen, wird es langsam schwierig.

Ich mag das Wort ‚Herrgottsbscheißerle‘, weil dort zwei Wörter drinstecken, die das Schwäbische vereinigen. ‚Herrgott‘ verwendet man im Hochdeutschen nicht und ‚bscheißerle‘ ist einfach ein typisch schwäbisches Wort. Im Alltag würde ich das Wort vermutlich nicht verwenden, weil es nur wenige verstehen. Aber meine Oma würde das Wort sicher benutzen.

Wegen der Digitalisierung und dem Trend von TikTok denke ich, dass der Dialekt nachlassen wird. Wir sind heute international und man kann sich über große Entfernungen mit anderen Leuten unterhalten. Das Hochdeutsche und das Englische sind da sehr wichtig. Dennoch macht uns der Dialekt auch aus und er kann sympathisch wirken. Es ist eine Zugehörigkeit, die man spürt und es wäre schade, wenn das komplett verloren geht.“

Leonie Coccatto, Laura Lapatki, Matthäus Keller