Villingendorf und Dietingen:
Die Stadtentwässerung bereitet sich auf den Anschluss vor
Rückblick: Spatenstich für den Anschluss
Im Juli 2024 fiel mit dem Spatenstich der offizielle Startschuss für den Bau des Anschlusses der Gemeinden Dietingen und Villingendorf an die Kläranlage des Eigenbetriebs Stadtentwässerung der ENRW. Auslöser für die Entscheidung war ein Strukturgutachten des Landratsamts Rottweil, das aufgezeigt hatte, dass in den umliegenden Gemeinden zahlreiche kleine Kläranlagen mit hohem Betriebsaufwand und begrenzter Reinigungsleistung betrieben werden. Im weiteren Verlauf des Planungsprozesses entschied man sich schließlich für die Lösung über die ENRW Stadtentwässerung. Florian Haag, Abteilungsleiter des Eigenbetriebs Stadtentwässerung der ENRW, ergänzt: „Vor 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass eine Kommune ihre hoheitlichen Aufgaben abgibt. Heute blicken die Betriebsleiter der Kläranlagen dem Anschluss positiv entgegen.“
Die neuen Anschlussstellen für die beiden Gemeinden befinden sich am Hegneberg und im Berner Feld. Glücklicherweise waren hierfür nur geringe bauliche Anpassungen am bestehenden Kanalnetz erforderlich. „Die Kanäle sind bereits so dimensioniert, dass sie den neuen Anforderungen problemlos gerecht werden“, bestätigt Haag. „Es gibt durch den Anschluss zwar an einigen Stellen Mehrbelastungen, aber an anderen wiederum auch Entlastungen im System“, fasst er das Ergebnis zusammen.
Kläranlage Rottweil wird durch bauliche Anpassungen erweitert
Um das um etwa 15 % gestiegene Abwasservolumen und die erhöhte Reinigungsleistung zu bewältigen, sind verschiedene bauliche Anpassungen an der Kläranlage Rottweil geplant. Die Bauarbeiten hierfür haben Anfang März begonnen. Dabei müssen insbesondere die hydraulischen Anlagen angepasst werden. „Wir erweitern außerdem den Zulauf, richten neue Messstellen ein und vergrößern die Leitungen“, so Haag. „Die Herausforderung wird darin bestehen, die neuen Baumaßnahmen während des laufenden Betriebs abzuschließen. Die Kläranlage wird an keinem einzigen Tag stillgelegt“, betont Haag. Lediglich die zweistufig ausgebaute biologische Reinigung kann während der Bauarbeiten kurzzeitig außer Betrieb genommen werden.
Im Zuge der Umstellung werden die Kläranlagen der Gemeinden Villingendorf und Dietingen stillgelegt. Stattdessen werden diese alten Anlagen in Pumpwerke umgewandelt, die das Abwasser nach Rottweil transportieren. Die erforderlichen Druckleitungen sind zum Teil schon fertiggestellt oder befinden sich noch im Bau.
Neue Prozesswasserbehandlung mit effizientem Reinigungsverfahren
Für den Aufbau einer neuen Prozesswasserbehandlung werden auf dem Gelände der Kläranlage Rottweil mehrere Gebäude errichtet. Florian Haag erläutert den Zweck der neuen Anlage: „Derzeit verwerten wir unseren Klärschlamm im Faulturm. Dabei muss der Schlamm zunächst ausgepresst werden. Das belastete Prozesswasser, das einen hohen Ammoniumgehalt aufweist, wird bislang wieder in die Kläranlage zurückgeführt.“ Mit der neuen Prozesswasserbehandlung wird das Wasser künftig vorgereinigt, was den Reinigungsaufwand im Klärprozess deutlich reduziert.
Bei der Prozesswasserbehandlung handelt es sich um einen biologischen Reaktor, in dem Bakterien zur Reinigung eingesetzt werden. Zukünftig kommt hier das sogenannte DEMON-Verfahren zum Einsatz, bei dem das im Wasser enthaltene Ammonium durch natürliche Prozesse umgewandelt wird. Am Ende bleiben unkritische Reststoffe und sauberes Wasser übrig. Das Restwasser aus dem Klärschlamm bietet dafür ideale Voraussetzungen: Es enthält nur wenige Fremdstoff e und hat bereits eine optimale Temperatur von 30°C.
Um das Ammonium zu entfernen, werden spezielle Bakterien, sogenannte Planctomyceten, eingesetzt. Diese Bakterien können den Ammonium-Stickstoff mit Hilfe von Nitrit in einfachen Stickstoff umwandeln, der dann unbedenklich in die Luft abgegeben werden kann. Im Vergleich zu den herkömmlichen Verfahren, bei denen viel Energie für Belüftung benötigt wird, muss beim DEMON-Verfahren deutlich weniger Energie aufgewendet werden. Florian Haag erklärt: „Der neue Prozess ist sehr komplex und muss mithilfe zahlreicher Messgeräte genau überwacht werden.“ Wichtig ist zudem, unerwünschte Bakterien regelmäßig abzusieben, um das optimale Wachstum der Planctomyceten sicherzustellen.
Die Inbetriebnahme der neuen Anlage ist für den Herbst 2025 vorgesehen. Besonders die Inbetriebsetzung des biologischen Prozesses wird Zeit in Anspruch nehmen und erfordert eine enge Überwachung der komplexen Technik. Florian Haag betont: „Der Betrieb wird eine Herausforderung, da der Prozess noch relativ neu ist. Aber die Vorteile hinsichtlich Effizienz und Nachhaltigkeit überwiegen.“ Daher blickt er zuversichtlich auf den erfolgreichen Start der Anlage. Voraussichtlich ab Herbst 2025 oder Anfang 2026 kann dann die schrittweise Übernahme des Abwassers der Gemeinden Villingendorf und Dietingen erfolgen.
