25.04.2025

Geschichte auf Pergament und Papier

- Ein Blick ins Rottweiler Stadtarchiv

Der schöne Erker und eine große Sonnenuhr auf der Fassade des Hauses mit der Nummer 13 fallen sofort ins Auge. Doch im Vorübergehen wirkt das Gebäude eher wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Nur die Inschrift „1981 ARCHIV DER STADT ROTTWEIL“ sowie eine bedruckte Glasplatte mit der Aufschrift „Stadtarchiv Engelgasse 13“ geben einen Hinweis darauf, was sich hinter der großen Rundbogentür verbirgt. Es ist eines der Gebäude in Rottweil, das beim Brand um 1700 nicht zerstört wurde. Hier im Stadtarchiv lagern auf einer Regalstrecke von rund fünf Kilometern und auf unzähligen Seiten Papier und Pergament etwa acht Jahrhunderte Rottweiler Geschichte.

Um zur Anmeldung zu gelangen, heißt es zunächst: Treppen steigen. Über alte Holzstufen geht es nach oben in den zweiten Stock. Dort wartet Lena Kunz bereits mit einem freundlichen Lächeln: „Willkommen im Stadtarchiv Rottweil“. Bei einem Rundgang führt sie zunächst durch die Archivräume, die sich über mehrere Stockwerke erstrecken. Die hohen Decken des alten Schulgebäudes bieten ausreichend Platz für große Regale. Über ein ausgeklügeltes Schienensystem können die teils tonnenschweren Regalwände mühelos verschoben werden. Dass es hier kühl ist, ist Absicht, denn in den unbeheizten Räumen sind die wertvollen Dokumente vor größeren Temperaturschwankungen geschützt.

„Stadtarchive haben ihren Ursprung in den alten Ratsschreiberstuben“, erklärt Lena Kunz. Der Aufschwung des Archivwesens begann während des preußischen Beamtentums, weshalb das Berufsfeld als Männerdomäne gilt. „Ein Mann im Tweed-Jackett mit Ärmelschonern“ – so beschreibt sie den typischen Archivar. „Manchmal nennt man die Dokumente, die im Archiv aufbewahrt werden, auch Flachablage. Alles, was in einen Schrank passt, wird bei uns aufbewahrt“, erläutert Kunz. Die Archivalien im Rottweiler Stadtarchiv reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück, bei einigen vermutet man sogar, dass sie aus dem Hochmittelalter, also aus dem 12. und 13. Jahrhundert, stammen.

Welche Dokumente im Archiv aufbewahrt werden, ist aber keinesfalls zufällig. Vielmehr gibt es strenge Richtlinien und Regularien, wie Lena Kunz erklärt: „Ein Archiv zu führen gehört zu den ‚kommunalen Pflichtaufgaben‘.“ Im Bestand befinden sich daher zahlreiche Urkunden, Akten und Amtsbücher. Zudem hat jeder Archivierende seine eigenen Vorlieben, die ebenfalls beeinflussen, was archiviert wird. Kunz interessiert sich besonders für Dokumente, die aus der Bevölkerung stammen, wie Nach- oder Vorlässe. „Nach einigen Jahren entwickelt man ein Gefühl dafür, was wichtig ist und was nicht.“

Im angrenzenden Lesesaal sind gerade einige Besucherinnen und Besucher in alte Schriften vertieft. Mit getönten Fensterscheiben und der Pflicht zum Tragen von Handschuhen werden die alten Dokumente vor äußeren Einflüssen geschützt. Eine ältere Dame interessiert sich für die Predigerkirche und erkundigt sich nach einem geeigneten Buch. Lena Kunz hat sofort eine passende Empfehlung und greift ins Regal – man hat das Gefühl, sie kennt hier jedes Werk. „Mir ist es wichtig, dass das Archiv für alle offen ist, die Interesse haben oder sich beteiligen möchten“, erklärt Kunz. „Wir bewahren die Geschichte der Bürger und der Stadt auf. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Zugang dazu haben.“ Häufig nachgefragt werden beispielsweise Dokumente zur Familiengeschichte.

Besonders wertvoll sind aus historischer Sicht die kunstvoll gestalteten Urkunden aus längst vergangenen Zeiten. Für Lena Kunz selbst sind aber die Ratsprotokolle der größte Schatz des Archivs: „Sie zeigen, was im Alltag der Menschen passiert ist. Dabei geht es nicht um Kaiser, Könige oder andere hohe Persönlichkeiten, sondern um die ganz normalen Bürger Rottweils.“ Das Lesen der Archivmaterialien kommt im Arbeitsalltag neben den Verwaltungsaufgaben allerdings oft zu kurz. „Um die Bestände besser kennenzulernen, versuche ich, täglich eine Stunde zu lesen. Das ist es auch, was die Arbeit spannend macht.“

Überraschend ist, dass die ältesten Schriftstücke auf Pergament gleichzeitig zu den haltbarsten gehören. „Die machen am wenigsten Probleme und sind relativ unempfindlich“, erklärt Kunz. Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde jedoch der Wechsel von Pergament zu Papier vollzogen. Anfangs wurde sogenanntes ‚Lumpenpapier‘ aus alter Kleidung verwendet, später das sogenannte Holzschliffpapier. „Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Papier außerdem gebleicht, was die Qualität weiter verschlechterte. Es zersetzt sich von selbst“, so Kunz. Um den Verlust dieser Dokumente zu verhindern, wird auf deren Digitalisierung gesetzt. In säurefreien Mappen sind die Dokumente zudem vor Staub, Wärme, Kälte und Rauch geschützt.

Die Bestände des Archivs werden durch private Spenden ergänzt. Leider gibt es auch Händlerinnen und Händler, die alte Dokumente zu hohen Preisen anbieten. „Daher sind wir auch auf Sachspenden von Privatpersonen angewiesen. Diese erzählen die Geschichten aus dem echten Leben.“ Dazu gehören Fotos, Tagebücher sowie Postkartensammlungen. Sogenannte ‚Findbücher‘ helfen dabei, einen Überblick über den Bestand zu behalten, aber auch das außergewöhnlich gute Gedächtnis der Archivierenden, wie Kunz betont. „Meistens wird nach Zeitebene sortiert und nicht nach Themen. Das ist ein großes Problem vieler Archive.“ Hier schafft die Computertechnik Abhilfe, da sowohl nach Zeit als auch nach Thema sortiert werden kann.

Obwohl das Thema Digitalisierung auch im Stadtarchiv zunehmend eine Rolle spielt, hat Lena Kunz eine klare Meinung zu digitalen Dokumenten: „Als Archivarin bin ich vielleicht voreingenommen, aber Papier ist immer noch das langlebigste Medium. Ich bin definitiv ein Papierfreund. Wenn ich das nicht wäre, wäre ich vermutlich im falschen Beruf“, sagt sie und lacht.

Egal ob Geschichtsforscher oder Hobbyhistoriker – das Stadtarchiv heißt alle Interessierten herzlich willkommen.
Die Öffnungszeiten sind
Montag bis Donnerstag von 08:30 bis 11:30 Uhr und von 14:00 bis 17:00 Uhr sowie Freitag von 08:30 bis 11:30 Uhr.
Ein Besuch ist nach vorheriger Terminvereinbarung per Telefon oder per E-Mail möglich.
0741 494330
stadtarchiv@rottweil.de
Das Team des Rottweiler Stadtarchivs (v. l.): Martina van Spankeren-Gandhi, Lena Kunz und Kirsten Schetla.
Unterstützt werden sie an diesem Tag von Dennis Schmidt (2. v. l.).