Nachhaltig unterwegs
Christine Renner beschäftigt sich mit der Mobilität von morgen
Mobilität ist vermutlich einer der grundlegendsten Bestandteile der menschlichen Zivilisation. Besonders in den letzten 200 Jahren hat die Entwicklung neuer Verkehrsmittel zu einem regelrechten Sprung in der Mobilitätsgeschichte geführt: Die Erfindung der ersten Dampflok (1804), des Fahrrads (1817) und des Automobils (1885) markieren zentrale Meilensteine auf diesem Weg. Mit der Zeit wurde Mobilität zunehmend individueller. Heute ist das Auto das mit Abstand am häufigsten genutzte Verkehrsmittel in Deutschland¹.
Mit der wachsenden Zahl an Verkehrsmitteln rückt auch die Frage nach einer sinnvollen Vernetzung der einzelnen Angebote stärker in den Fokus. Gleichzeitig gewinnt das Thema Nachhaltigkeit, insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel, zunehmend an Bedeutung. In Baden-Württemberg wurde daher gesetzlich festgelegt, dass jeder Landkreis eine Koordinatorin oder einen Koordinator für Mobilität und Klimaschutz bestimmen muss. Eine davon ist Christine Renner. Im Landkreis Rottweil berät und unterstützt sie die Gemeinden seit Juli 2024 bei der Entwicklung von nachhaltigen Mobilitätslösungen. Wir haben mit ihr über die Aufgaben und Herausforderungen in diesem Beruf gesprochen.
Vom Zufall in den Landkreis Rottweil geführt
Frankfurt am Main, Horb am Neckar und Esslingen sind nur einige Stationen im Lebenslauf von Christine Renner. Relativ schnell kam bei ihr der Wunsch auf, sich verstärkt mit dem Thema Mobilität auseinanderzusetzen. Während ihres Masterstudiums in Stadt- und Regionalforschung konnte sie am Institut für Ländliche Strukturforschung wertvolle Praxiserfahrungen gewinnen. Ihre Abschlussarbeit widmete sie dem Thema „Mobilität in der Rhön“, einer ländlich geprägten und topografisch herausfordernden Region. Anschließend sammelte sie im Landkreis Esslingen Erfahrung im Bereich des ÖPNV. Vor einigen Jahren führte sie schließlich der Zufall in den Landkreis Rottweil, wo sie heute ihr Fachwissen und ihre Erfahrung als Mobilitätskoordinatorin einbringt.
Die Herausforderungen sind täglich zu spüren
„Ebenso wie die Rhön ist auch der Landkreis Rottweil topografisch anspruchsvoll“, erklärt Christine Renner. Da viele Strecken ohne E-Bike eher schwer zu bewältigen sind, hinkt beispielsweise der Ausbau der Radinfrastruktur noch hinterher. Auch im öffentlichen Nahverkehr zeigen sich Defizite, zum Beispiel durch nicht abgestimmte Taktungen. Hinzu kommen das umfangreiche Aufgabenspektrum der Kommunen, die angespannte finanzielle Lage und oft auch der fehlende Handlungsdruck. „In größeren Städten ist der Leidensdruck durch Staus, Lärm und Abgase deutlich höher. Dort stoßen nachhaltige Mobilitätskonzepte daher auf größere Akzeptanz“, so Renner. Gleichzeitig biete ein ländlich geprägter Landkreis wie Rottweil auch Vorteile, zum Beispiel beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität: „Die Flächenverfügbarkeit ist hier größer als in städtischen Gebieten“, erklärt sie.
Das Aufgabenspektrum ist vielfältig
Aktuell kümmert sich Christine Renner neben der Beratung der Gemeinden schwerpunktmäßig um Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit. Ein Beispiel dafür ist der Malwettbewerb, zu dem der Landkreis Rottweil im September aufgerufen hatte. Unter dem Motto „Bushaltestelle der Zukunft“ durften Kinder ihre Vorstellungen von einer kindgerechten und nachhaltigen Mobilität zu Papier bringen. Die eingereichten Bilder zeigen, dass in den Vorstellungen der Kinder auch jede Menge Potenzial steckt: Mit Bücherregalen, Sofas, Snackautomaten und Lademöglichkeiten fürs Smartphone werden Bushaltestellen zu bunten Aufenthaltsorten mit echtem Mehrwert.
Zukünftig soll darüber hinaus die interne Mobilität im Landratsamt in den Blick genommen werden. Hier geht es beispielsweise um Arbeits- und Dienstwege, aber auch um den Kunden- und Lieferverkehr.
So kann der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit gelingen
Für Christine Renner ist klar: Die Bürgerinnen und Bürger müssen aktiv in den Wandel einbezogen werden, denn sie sind die Expertinnen und Experten des Alltags. „Als planende Person hat man manchmal blinde Flecken“, sagt sie. Deshalb sei die Zusammenarbeit mit verschiedenen Beteiligten besonders wichtig. Ein zentraler Erfolgsfaktor ist außerdem die Kommunikation: „Viele Menschen haben noch das veraltete Bild eines selten verkehrenden ÖPNV im Kopf. Dabei hat sich in den letzten Jahren viel getan. Gleichzeitig wird im Alltag oft nicht mehr hinterfragt, welches Verkehrsmittel genutzt wird. Persönliche Gewohnheiten spielen dabei eine große Rolle.“ Nachhaltige Mobilität müsse vor allem bequem und zeitlich konkurrenzfähig sein. Zudem sollten die positiven Effekte stärker in den Fokus gerückt werden. Dazu zählen der Beitrag zur körperlichen Gesundheit und die Verbesserung der Aufenthaltsqualität in Innenstädten durch Geschwindigkeitsbegrenzungen, mehr Radverkehr und zusätzliche Begrünung.
Ein Blick in die Zukunft
In den kommenden Jahren werden vor allem die Elektrifizierung des Pkw-Verkehrs sowie der Ausbau des Rad- und Fußverkehrs zentrale Themen sein. Besonders der Fußverkehr, der keine eigene Lobby hat, müsse unterstützt werden. Auch im öffentlichen Nahverkehr gelte es, den Status quo kontinuierlich zu hinterfragen, um das Angebot gezielt zu verbessern.
„Siedlungsentwicklung und Mobilität müssen Hand in Hand gehen“, betont Christine Renner. In Stellungnahmen zu Bebauungsplänen macht sie beispielsweise auf die Bedeutung von ausreichend Platz für Fuß- und Radverkehr, begrünten Flächen und kurzen Wegen zu Spielplätzen aufmerksam. Denn eine spätere Umgestaltung sei deutlich aufwändiger und teurer, als diese Themen von Anfang an mitzudenken.
Entscheidend sei vor allem ein gemeinsames Verständnis und die Zusammenarbeit aller gesellschaftlich Beteiligten. „Nachhaltige Mobilität kann für den Einzelnen vielleicht Einschränkungen mit sich bringen. Aber für die Allgemeinheit ist es ein klarer Gewinn“, so ihr Fazit.
¹Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Transport-Verkehr/Personenverkehr/_inhalt.html
Madlen Schneider
Luana Schneider
Elfie
Lea Häbich
Mit Bücherregalen, Sofas, Snackautomaten, Lademöglichkeiten fürs Smartphone und vor allem farbenfroh: So gestalten die Kinder die Bushaltestelle der Zukunft.
