Graffiti-Kunst am Beckenrand
Bunt, auffällig und oft großflächig. Mal als Bild, mal als Zeichen, mal als Schriftzug: Graffiti prägen vielerorts das Stadtbild und sind vor allem in urbanen Räumen zu finden. Ihr Image ist dabei ambivalent: Während manche sie als Vandalismus ansehen, sind sie für andere ein Ausdruck zeitgenössischer Kunst. Öffentliche und private Einrichtungen treffen häufig Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Graffiti.
Gleichzeitig gibt es aber auch Orte, die bewusst Flächen für legale Street-Art freigeben – so wie das Freibad Rottweil, das sich mittlerweile zu einem kleinen Hotspot der Graffiti-Kunst entwickelt hat. Rund um das Freibad sind inzwischen zahlreiche Kunstwerke entstanden. Zuletzt wurde Ende März eine komplette Treppe künstlerisch gestaltet. Wir haben mit Steven Ulrich, Abteilungsleiter des Eigenbetriebs Bäder, und dem Künstler Konstantin Viktor Müller über das neueste Werk gesprochen.
Herr Ulrich, eine bunte Meereslandschaft ziert jetzt die Treppe im Freibad. Wer hatte die Ideen zu dem Motiv?
Steven Ulrich: „Da ich auf meinen Reisen schon viele faszinierende Unterwasserwelten entdecken durfte, war für mich sofort klar: Es soll ein Korallenriff werden – passend zum Thema Wasser. Die Ozeane spielen eine entscheidende Rolle im globalen Klimasystem und sind daher besonders schützenswert. Allerdings stellt der Klimawandel eine Bedrohung für die Meeresökosysteme dar. Insbesondere die Korallenriffe, welche nicht nur wunderschöne Naturwunder, sondern auch Lebensraum für unzählige Meeresbewohner sind, sind betroffen. Daher ist es wichtig, gelegentlich den Blick auf diese Unterwasserwelt zu richten. Ausgehend von dieser Idee hat Konstantin das Motiv entwickelt.“
Konstantin, du durftest schon einige Flächen im Bereich der Bäder gestalten. Wie bist du zur Kunst bzw. speziell zum Sprayen gekommen?
Konstantin Viktor Müller: „Mit 13 oder 14 Jahren habe ich angefangen, mich für Graffiti zu interessieren. Das war Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre. Zu der Zeit war Hip-Hop noch ein Zusammenschluss der Disziplinen Rap, Breakdance, DJing und Graffiti. Alle meine musikalischen Idole haben von Graffiti geredet und hatten coole Tags auf ihren Plattencovern. Und ich wollte eben so sein wie die – also taggen und sprayen können (lacht). Außerdem sollte mein Name am coolsten aussehen von allen. Aus diesem naiven Nacheifern ist allerdings eine wahre Liebe zur Malerei geworden. Graffiti ist bis heute meine erste Liebe zur Kunst.“
Was fasziniert dich besonders an der Graffiti-Kunst?
KVM: „Wenn ich zurückdenke, war für mich der Wettbewerb immer ein sehr großer Ansporn. Wenn jemand aus meinem Umfeld etwas Gutes gemalt hatte oder eine gute Aktion durchgeführt hatte, war das für mich immer ein Anreiz, dies zu überbieten. Dem einen oder anderen ging es ähnlich. Aus dem ständigen ‚sich gegenseitig überbieten müssen‘ wurde ein kontinuierlicher Wettstreit, an dem alle Teilnehmer gewachsen sind.“
Gibt es Künstler oder Projekte, die dich besonders geprägt oder inspiriert haben?
KVM: „Ich mag Caravaggio. Sein Stil, aus dem Tiefschwarzen, dem Schatten heraus Plastizität zu erschaffen, hat mich sehr inspiriert und beeinflusst.“
Welche Themen oder Motive finden sich häufig in deiner Arbeit wieder?
KVM: „Den Teddybär findet man sehr häufig in meinen Graffiti-Werken. In der Kunst habe ich momentan ein Faible für Schimpansen.“
Herr Ulrich, warum haben Sie sich erneut für ein Graffiti entschieden?
SU: „Graffiti sind eine originelle Form der Verschönerung. Ein Anstrich mit Standardfarben ist in der Regel nicht kostengünstiger und bietet deutlich weniger gestalterischen Mehrwert. Durch das Graffiti konnte die Aufenthaltsqualität in diesem Bereich noch einmal deutlich verbessert werden.“
Konstantin, wie war es für dich, ein öffentliches Freibad künstlerisch zu gestalten?
KVM: „Es ist immer super, solche öffentlichen Projekte umzusetzen. Genau dafür mache ich das. Die Leute sollen Freude an meinem Werk haben, aber dazu muss es in die Öffentlichkeit. Ein Freibad ist für diesen Zweck eine tolle Leinwand.“
Wie bist du an die kreative Umsetzung herangegangen? Wie hast du den Entstehungsprozess erlebt?
KVM: „Der Entstehungsprozess war durch das ungewöhnliche Format sehr besonders. Die Treppe ist nicht nur ziemlich flach, sondern auch extrem breit. Hier eine gute Komposition im Entwurf hinzubekommen, war gar nicht so einfach. Hinzu kam die Aufteilung in vier separate Stufen, die jeweils einzeln bemalt werden mussten, am Ende aber als harmonisches Ganzes wirken sollten. Die größte Schwierigkeit war allerdings die geringe Höhe der Stufen. Das ist für das Arbeiten mit einer Sprühdose sehr herausfordernd. Ich musste von Anfang an mit einberechnen, dass ich ständig mit der Dose den Boden streifen werde und Präzision in der Linienführung deshalb unmöglich sein wird (lacht). Dadurch kam dann so eine Art Graffiti-Impressionismus zustande. Ich bin mit dem Look auf jeden Fall zufrieden.“
Gab es bei der Umsetzung weitere Herausforderungen?
KVM: „Ja, das Wetter war tatsächlich eine Herausforderung. Ende März war es sehr wechselhaft, was eigentlich kein Problem ist, solange die Wand halbwegs trocken ist. Allerdings hatten sich auf den Stufen Pfützen gebildet, die nicht abtrocknen wollten und von denen ständig Wasser ins Bild gelaufen ist. Das hat die Fertigstellung etwas verzögert.“
Gibt es ein besonderes Detail in deinem Werk, das viele Besucher vielleicht übersehen?
KVM: „Ich habe hinter eine der Blumen einen Gartenzwerg gesetzt. Den wird nie jemand sehen.“
Du hast bereits den Rutschenturm im aquasol verschönert. Welches Projekt war herausfordernder und warum?
KVM: „Beide Projekte waren auf ihre eigene Weise herausfordernd und sind nur schwer miteinander vergleichbar. Beim Rutschenturm hatte ich allerdings viel mehr Angst, die Sache zu vergeigen. So nach dem Motto: „Was, wenn es ihnen am Ende nicht gefällt?“ (lacht). Diese Angst hatte ich beim Freibadprojekt nicht, schließlich wusste ich ja schon, dass mein Stil angenommen wird.“
Herr Ulrich, Wasser kann Farbe ja durchaus gefährlich werden. Wie ist das fertige Kunstwerk vor den äußeren Einflüssen im Freibad geschützt?
SU: „Graffiti sind leider vergänglich, doch das schafft gleichzeitig Raum für Neues. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir an diesem Korallenriff erst einmal viele Jahre Freude haben werden.“
Was ist deine Meinung, Konstantin: Warum ist dir Kunst im öffentlichen Raum wichtig?
KVM: „Ich denke, das ist ein wichtiger kultureller Aspekt. Menschen sollten jederzeit die Möglichkeit haben, die Werke von Kulturschaffenden zu sehen, wenn sie das Bedürfnis dazu verspüren. Außerdem scheint es ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zu sein, Informationen zu konservieren – sei es, indem man sie an Höhlenwände malt oder auf andere Weise festhält.
Diese Zeichen und Malereien werden von anderen gesehen, gelesen und inspirieren wiederum neue Generationen dazu, sie zu imitieren. Und zack, sind ein paar tausend Jahre rum und die Schrift ist entstanden (lacht). Was ich damit sagen will: Kultur ist wichtig für jede Zivilisation. Egal, wie profan oder unnütz ein Werk in einem Moment erscheinen mag. Es ist schwer abzusehen, wie bedeutend oder notwendig ein Kunstwerk über Hunderte oder Tausende von Jahren sein kann. Kunst im öffentlichen Raum spielt dabei eine besondere Rolle: Niemand weiß, welches Werk welches Genie dazu inspiriert, Großes zu schaffen.“
Was macht für dich den Reiz aus, an ungewöhnlichen Orten wie einem Freibad zu arbeiten?
KVM: „Die Kohle natürlich! (lacht) Aber Spaß beiseite: Ein Freibad ist eine ganz tolle Leinwand. Ich mag es, wenn meine Werke einen positiven Einfluss auf die Menschen haben. Ein Freibad ist ein schöner und positiver Ort. Warum also nicht dazu beitragen, ihn noch schöner zu machen?“
Wie sind bisher die Reaktionen für das Projekt im Freibad?
SU: „Seither haben wir nur positive Rückmeldungen erhalten: tolle Farben, tolles Motiv, toller Standort, toller Künstler! Das hat sich auch in der großen Resonanz beim Gewinnspiel zur Freibaderöffnung widergespiegelt, wo wir nach dem Namen des Künstlers gefragt haben.“
Sind aktuell noch weitere Graffiti im Freibad oder auch im aquasol in Planung?
SU: „Aktuell nicht. Wir wägen immer Aufwand und Nutzen sorgfältig gegeneinander ab. In diesem Jahr stand die Ausbesserung der Liegestufen an, da hat sich das Graffiti angeboten.“
Frühschwimmen: Jeden Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag bereits ab 6:30 Uhr im Freibad Rottweil.
Konstatin-Viktor Müller und Steven Ulrich
