20.03.2026

Theaterkunst im Zentrum Rottweils

Man könnte es fast schon als Geheimtipp bezeichnen, denn vielen ist gar nicht bewusst, dass sie beim Schlendern durch die Innenstadt an einem kleinen kulturellen Highlight vorbeikommen: dem Zimmertheater Rottweil. Ein Stockwerk über der Stadtbibliothek, direkt am Friedrichsplatz gelegen, bietet es ein einzigartiges Schauspielerlebnis: Eine kleine Bühne und Platz für maximal 150-200 Besucherinnen und Besucher – fast schon Wohnzimmeratmosphäre.

Gegründet wurde das Zimmertheater bereits 1968, bestand seither jedoch mit Unterbrechungen. 2013 übernahmen es Dr. Bettina Schültke und ihr Partner Dr. Peter Staatsmann und leiten es seither im Team. Ein Job, der viele Facetten hat – notgedrungen: „Als Intendanten des Theaters gehören die klassischen Themen zu unserem Aufgabengebiet: Wir erstellen die Jahresplanung, wir wählen die Stücke aus – oder schreiben sie selbst –, wir casten die Schauspieler und Peter Staatsmann führt Regie“, erklärt Bettina Schültke, die vor ihrer Zeit in Rottweil unter anderem zehn Jahre lang am Deutschen Theater in Berlin gearbeitet hat.

„Nicht nur unsere besondere Arbeitsweise mit einer radikalen Offenheit aller an den Proben Beteiligten macht uns in der Region zu etwas Besonderem, wir sind auch das einzige professionelle Theater im näheren Umkreis“, erklärt Bettina Schültke. „Das ist zum einen mit hohen Anforderungen und Erwartungen verbunden – zum anderen mit einem besonderen Aufwand, den wir treiben müssen, um überhaupt weiterhin zu existieren“. Getragen wird das Zimmertheater von institutionellen Förderungen sowie privaten Sponsoren. Diese decken jedoch nur einen Teil der Betriebskosten ab. „Die Eintrittsgelder sind leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Bettina Schültke. „Aber der Preis muss auch für alle bezahlbar und realistisch bleiben, das ist uns wichtig.“ Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie daher im Büro und stellt zusätzliche Förderanträge für einzelne Projekte oder recherchiert weitere Optionen, die für sie in Frage kommen könnten. „Das ist anstrengend und bindet leider sehr viel Kapazität – aber es ist notwendig.“

Bei der Stückauswahl legen Bettina Schültke und Peter Staatsmann viel Wert darauf, auch immer wieder anspruchsvolle und aktuelle Themen zu beleuchten: Soziale Brennpunkte, Rechtspopulismus, die Veränderung der Rolle der Frau in der Gesellschaft, regionale Themen – alles vielschichtig auf- und ausgearbeitet und beleuchtet.
Und oft in Uraufführungen und Stückentwicklungen. Mit Fingerspitzengefühl statt mit Fingerzeig. „Das Theater bietet die Chance, sonst nicht sichtbare Gefühle darzustellen, jenseits rationalen Denkens“, erklärt Bettina Schültke. „Dazu ist Kunst da, um Ambivalenzen auszuhalten und vermeintliche Sicherheiten in Frage zu stellen.“

Das Zimmertheater arbeitet mit einem Pool aus rund 50 Berufsschauspielerinnen und -schauspielern zusammen, wobei Bettina Schültke und Peter Staatsmann bei vielen Stücken bereits bestimmte Personen im Kopf haben und dementsprechend eine Auswahl treffen. Der Weg bis zur Premiere ist dabei selten linear. „Es kann auch mal passieren, dass wir Stücke im Laufe der Proben verändern, denn diese sind ein gemeinsamer Prozess, ein tiefes Ausloten vielschichtiger Zusammenhänge, über etwa sechs Wochen. Am Ende ist es wichtig, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Rollen vollkommen verkörpern. Nur so wirken sie authentisch.“

Geprobt wird täglich. Dadurch, dass im Team vieles in Eigenregie übernommen wird und keine offiziellen Gewerke, etwa mit Kulissenbau oder Technik, existieren, sind Regie und Darstellerinnen und Darsteller relativ flexibel und können auch kurzfristig Entscheidungen treffen. „Wir lösen das alles individuell von Stück zu Stück“, erklärt Bettina Schültke. „Beim Bühnenbild arbeiten wir oft mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern zusammen, je nachdem, wie es inhaltlich und zeitlich passt. Und natürlich legen wir auch selbst Hand an, soweit das möglich ist. Und auch was die Kostüme anbelangt, sind wir flexibel: Was sich nicht in unserem großen Fundus aufstöbern lässt, besorgen wir anderweitig oder es wird umgearbeitet. Hier muss man kreativ sein.“

Neben den Aufführungen am Friedrichsplatz inszeniert das Team auch jährlich zwei Theaterstücke unter freiem Himmel im Bockshof. 2026 stehen beispielsweise Das kalte Herz, eine Interpretation des Kunstmärchens von Wilhelm Hauff, und Die Bremer Stadtmusikanten nach den Brüdern Grimm auf dem Programm.

Zudem legen Bettina Schültke und Peter Staatsmann viel Wert auf Theaterpädagogik, um Kindern und Jugendlichen die Welt des Schauspiels näherzubringen. Für Schulen, Kindergärten und andere Gruppen gibt es neben Workshops auch die Möglichkeit, vormittags eine Zusatzvorstellung des ausgewählten Stücks zu besuchen. Einmal die Woche kommen zudem die beiden Jugendclubs, eingeteilt in verschiedene Altersgruppen, zusammen, um zu proben.

Dr. Peter Staatsmann und Dr. Bettina Schültke leiten das Zimmertheater Rottweil seit 2013.

Die nächsten Premieren des Zimmertheaters
Die Bremer Stadtmusikanten nach den Brüdern Grimm: 27.06.26, Bockshof
Das kalte Herz nach Wilhelm Hauff: 02.07.26, Bockshof